Ein Mann verlässt einen stockdunklen Raum durch eine helle Türe.

Desistance – Der Weg aus der Kriminalität

Die meisten chronisch straffälligen Menschen mildern ihre kriminelle Karriere im Laufe des Lebens ab oder beenden sie. Mit Faktoren, die den Ausstiegsprozess unterstützen oder beschleunigen, beschäftigt sich die Kriminologie unter dem Stichwort „Desistance“. Damit liefert Desistance interessante Informationen für unsere Arbeit: In den Kontaktgruppen begegnen wir Personen, die sich fragen, wie ihre Zukunft aussieht.

Desistance wird als Zick-Zack-Reise mit messbaren Veränderungen beschrieben. Typischerweise erreicht die Kriminalitätsbelastung ihren Höhepunkt in Adoleszenz[1] und frühem Erwachsenenalter, um dann deutlich abzunehmen (Krell 2025, S.17).

Biologische Theorien gehen davon aus, dass eine fortschreitende Hirnreifung zur Steuerung impulsiven und riskanten Verhaltens und zur Verarbeitung von Emotionen beiträgt. Möglicherweise spielen auch Veränderungen im Hormonhaushalt hinein. Die Rolle der Genetik wird differenziert-kritisch betrachtet.

Zu psychologischen Theorien existieren die meisten Studien: Danach beeinflussen die Übernahme von Verantwortung, die Zukunftsperspektive und die Selbstkontrolle das Urteilsvermögen entscheidend. Haben Personen ausgeprägtere Werte, so spiegelt sich das in sozialverantwortlicheren Entscheidungen wider.

Eine „Grundannahme ist, dass […]  Desistance mit spezifischen Identitätsveränderungen einhergeht“ (ebd. S. 20). Dazu gehört, dass eine Person beginnt, ihren bisherigen Lebensstil in Frage zu stellen. In diesem Prozess erlebt sie einen inneren Widerspruch zwischen der vertrauten Vergangenheit und der angestrebten, noch nicht vertrauten Zukunft. Dies kann sehr belastend sein. Gelingt es der Person, ihren Alltag durch eine noch instabile „Arbeits-bzw. Zwischenidentität […] zu bewältigen oder sich selbstbestimmt auf einem hohen Beschäftigungsniveau zu halten“ (ebd. S. 21), kann die neue Identität gefestigt werden.

Bei gleicher Ausgangslage spielt die subjektive Deutung der eigenen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eine wichtige Rolle: Desister „definieren sich neu“ und entwickeln eine widerspruchsfreie Erzählung ihres Lebens, die durch ein authentisches, positives Selbstbild und Sinnstiftung ihrer Lebensgeschichte geprägt sind. Sie erleben, dass sie etwas bewirken können, und wollen anderen etwas zurückgeben.


Der Text erscheint in der Ende Mai vorliegenden Ausgabe des SCHEIDEWEG Magazin. Sende uns gerne eine Mail an info@scheideweg.nrw, wenn Du eine Printausgabe erhalten möchtest. Das Magazin wird zudem – online first – auf unserer Website veröffentlicht.


Entscheidungsprozesse, bei denen Überlegungen zu eigenen Zukunftsaussichten im Mittelpunkt stehen, bilden einen anderen Ansatz. Wiederholte negative Konsequenzen können zu einem Kipppunkt führen: Dass ein „Weiter so“ für die eigene Zukunft nicht wünschenswert erscheint, löst eine Transformation aus, wenn positive Zukunftsaussichten entwickelt und neue Rollen übernommen werden können. Für den Veränderungsbeginn sind nicht primär günstige äußere Umstände verantwortlich; diese können aber im Verlauf die Veränderung festigen. Auch wenn ein Ausstieg nicht allein aufgrund der Abwägung von Kosten und Nutzen von Straftaten geschieht (soziale Unterstützung und ökonomische Faktoren sind wesentlicher), zeigt dieser Blickwinkel, dass sich Menschen als handlungsmächtig erleben, mit der Fähigkeit, die Umgebung und das eigene Leben zu gestalten.

Sozial-strukturelle Ansätze fokussieren vornehmlich die Rahmenbedingungen für Veränderung. Hier ist das soziale Kapital entscheidend: Welche Beziehungen und welches Netzwerk hat eine Person? „Derartige soziale Strukturen stellen die Grundlage für belastbare soziale Beziehungen dar, die Verantwortungsbewusstsein fördern und soziale Unterstützung bieten“ (ebd. S.23). Die daraus entstehende informelle Kontrolle und eine veränderte Alltagsroutine wirken abweichendem Verhalten entgegen. „Desistance ist demnach abhängig von der Verfügbarkeit und Qualität von sozialen Ressourcen“ (ebd. S. 23). Integration in Arbeit oder eine stabile Ehe sind Lebensbereiche mit förderlichem Potential, doch keine Ausstiegsgarantie. Eine hohe Bedeutung kommt Gleichaltrigen zu, die selbst den Weg aus der Kriminalität gegangen sind. „Peer-Mentor:innen, die selbst Erfahrungen mit Strafverfahren oder Reintegrationsprozessen gesammelt haben, können durch ihre Glaubwürdigkeit und ihr geteiltes Verständnis von Herausforderungen (…) eine zusätzliche Stabilisierung gewirken.“ (Zahradnik 2025, S. 7)

Über die formelle Zugehörigkeit hinaus sind die soziale Anerkennung, ein Zugehörigkeitsgefühl und aktive Teilnahme an der Gemeinschaft essenziell. Nicht nur der persönliche Veränderungsprozess führt zu Desistance.

Deshalb sind Labeling- oder Etikettierungsprozesse zu erwähnen: Betroffene können resignieren, wenn andere ihnen weitere Straftaten zutrauen (ebd. S. 3). Umgekehrt braucht eine Verhaltensänderung wie Straffreiheit oder Arbeitsintegration gesellschaftliche Anerkennung, vielleicht auch in öffentlicher Form. Denn hohe Erwartungen und positives Feedback können Selbstbild und Leistungen verbessern.

Was bedeuten das für die Kontaktgruppenarbeit?

  • Neben den Profis bieten hier Bürger im Ehrenamt und ehemals Betroffene in den Gesprächen wertvolle unterstützende Beziehungen an. Kontinuität und Verlässlichkeit ermöglichen Vertrauen und fortgesetzte Prozesse. Ehrenamtliche tragen eine realistische und hoffnungsvolle Perspektive hinter die Gitter.
  • Schuld, Scham und Trauer über falsche Wege können Motivationsgeber für eine Veränderung sein. Hier unterstützt das seelsorgerliche Gespräch den Gefangenen klärend, tröstend und ermutigend.
  • Die Ehrenamtlichen verstehen sich als Botschafter der Liebe Gottes. Diese bleibt nicht bei unserer Vergangenheit stehen, sie klebt uns kein Etikett an. Gottes Liebe ist zukunftsgerichtet.
  • Gott bietet eine liebevolle, sichere Beziehung an. Gedanken und Emotionen dürfen offen vor ihm ausgesprochen und so in den Transformationsprozess einbezogen werden.
  • Gott hat jeden Menschen unverwechselbar geschaffen und begabt. Auf der Suche nach einer individuellen Identität jenseits von Kriminalität kann er deshalb Ansprechpartner sein.
  • Kontaktgruppenmitarbeiter und -mitarbeiterinnen anerkennen gute Vorsätze und verstärken ein positives Selbstbild von Gefangenen. Sie würdigen kleine und größere Fortschritte. Im Gebet und durch Segensworte sprechen sie Kraft zu.
  • Die Ehrenamtlichen beziehen Gefangene in das Programm mit ein. So entsteht ein Übungsfeld für Mitgestaltung.
  • Sie vermitteln Kontakte zu Einrichtungen und christlichen Gemeinden und unterstützen so den Übergang aus der Haft.

Jutta Sieper

Literatur
Wolfgang Krell (Hg)(2025). Wie der Ausstieg aus der Kriminalität gelingen kann. Desistance in der Straffälligenhilfe. Lambertus, 1. Auflage
Franz Zahradnik (2025). Wie können Reintegrationsprozesse nach einer strafrechtlichen Verurteilung gelingen? In: Informationsdienst Straffälligenhilfe. 33. Jg. Nr. 3 Dezember

[1] Adoleszenz = Die Lebenspanne zwischen 10-20 Jahren; junges Erwachsenenalter = 18 bis Mitte 20 bzw.  30 Jahre

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